Wäre da nicht …

Der Blick aus meinem Büro am neuen Wiener Hauptbahnhof schweift regelmäßig auf die Häuserfront am Gürtel. Mehrere Kilometer südgerichtete Dächer und schon oft ist in mir der Gedanke hochgestiegen: „Das sind die besten Plätze für Solaranlagen in ganz Wien“.

Häuserzeile_PV_copAber im Unterschied zu ländlichen Bereichen gehören Solaranlagen in Wien nicht zum Landschaftsbild. Warum eigentlich? Könnten sich die Wiener nicht wunderbar ihren eigenen Strom selbst am eigenen Dach erzeugen? Die Voraussetzungen dafür wären da: Der eigene Strom aus Solaranlagen, also sogenannten Photovoltaikanlagen, lässt sich längst günstiger erzeugen als der Strom, der aus hunderte Kilometer langen Leitungen letztlich aus der Steckdose kommt.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen die Photovoltaik etwas für Träumer und Idealisten war. Die Sache ist auch nicht besonders kompliziert – Photovoltaik ist heutzutage „low tech“. Die Module werden auf Dächer geschraubt und zusammengesteckt. Außer, dass man hin und wieder nachschaut, ob die rote Lampe am Wechselrichter leuchtet, muss man als Otto-Normalverbraucher auch nicht viel tun. Und wenn die Sonne einmal nicht scheint, bezieht man den Strom eben aus dem Netz. Eigentlich eine gute Sache.

Wäre da nicht … und so beginnt jede Wendung einer guten Geschichte. Wären da also nicht allerlei Gesetze, die für diesen Fall nie geschrieben worden sind. Zu rasant war der Kostenverfall bei Photovoltaikanlagen in den vergangenen Jahren. Noch vor sieben Jahren kostete eine kleine Photovoltaikanlage fürs eigene Dach mit 5kWp noch rund 35.000 Euro. Heute kosten vergleichbare Anlagen nur mehr ein Siebtel, also rund 5.000 Euro. Für derart dynamische Entwicklungen sind Gesetze einfach nicht ausgelegt. Vor allem, wenn es sich um Gesetze im Verfassungsrang handelt, noch dazu mit so komplizierten Namen wie „Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz“ (ElWOG).

Dieses Gesetz verbietet zwar nicht, dass man sich eine Photovoltaikanlage in einem Mehrfamilienhaus aufs Dach schraubt und den Strom dann direkt aus der Anlage bezieht – aber es erlaubt es auch nicht. Und da ist dann der Haken. Den Strom aus der Solaranlage am Dach darf man nicht selber nutzen, sondern muss ihn erst wieder aus dem Netz beziehen und Kosten für die Netznutzung bezahlen. Das macht doch keiner. Dieses gesetzliche Problem gibt es aber nur in Mehrfamilien- und nicht in Einfamilienhäusern, und deshalb sieht man eben keine Photovoltaikanlagen auf Wiener Dächern, auf dem Land hingegen schon.

Eigentlich ginge das alles noch viel einfacher! Mittlerweile gibt es kleine Photovoltaikanlagen, sogenannte „Solarzwerge“, die man auf den eigenen Balkon hängen kann und einfach an die Steckdose steckt. Mit so einem Solarzwerg kann man zumindest den Strom für den eigenen Kühlschrank selbst erzeugen! In anderen europäischen Ländern sind solche „Solarzwerge“ längst im Baumarkt erhältlich. Das wäre also die Lösung, zumal das ElWOG für diesen Fall auch nicht anwendbar ist.

Wäre da nicht …

Lukas Stühlinger ist Mitglied des Vorstandes der oekostrom AG.

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Das Solarzwerg-Experiment

Auf dem Weg zum Solarzwerg – Blog von Simon Niederkircher: Solarzwerge, auch Solarkraftzwerge oder Mikro-Photovoltaik genannt, sind einzelne Solarmodule, die direkt an eine gewöhnliche Steckdose angesteckt werden können. Simon Niederkircher, Leitung Key Account Management bei oekostrom, schildert seine Reise durch die österreichische Bürokratie beim Versuch, so einen Solarzwerg zu bekommen und den Gesetzen entsprechend in Betrieb zu nehmen.

Das Solarzwerg-Experiment

Neben unseren Autorinnen und Autoren, die in regelmäßigen Beiträgen über gute Energie in allen Lebensbereichen schreiben, sorgen auch immer wieder Gastautoren in einmaligen Blogbeiträgen für Gute Energie.

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