Sofatentakel

Ich kann nix dafür. Ehrlich. Ich wollte ja. Gleich nach dem Heimkommen. Ganz fix. Heimkommen – umziehen – losrennen. Das war der Plan. Und daran, dass es dann anders kam, bin nicht ich schuld. Wirklich nicht. Ich bin nämlich das Opfer. Das Opfer eines Übergriffes. Einer Verschwörung. Und die Hauptrolle in diesem Komplott hat mein Sofa. Das lebt nämlich. Anders kann ich mir das nämlich nicht erklären.

IMG_20140929_084438_resizedAber der Reihe nach. Es ist nämlich so, dass ich gerne laufe. Oder schwimme. Oder Rad fahre. Oder klettern gehe. Oder Inlineskate. Oder sonst was. Weil ich weiß, dass es mir gut tut. Dass ich danach besser drauf bin. Weil ich dann mehr Energie habe, als vorher. Obwohl das physikalisch so nicht stimmt. Nicht stimmen kann.

Wenn man ein Objekt X (mich) mit der Masse Y über den Zeitraum Z die Strecke von A nach B zurücklegen lässt, benötigt man dazu Energie. Führt man X vor oder während dieses Prozesses von außen keine Energie zu, ist es nach allen Regeln und Gesetzen der Physik also unmöglich, dass X nach diesem Prozesses über mehr Energie verfügt, als davor. Wer das Gegenteil behauptet, der lügt. Oder spinnt.

Ok, dann spinnt X (ich) halt. Oder lügt. Mir doch egal. Fakt ist aber: Wenn ich nach einem langen, mühsamen und nicht enden wollenden Bürotag die Laufschuhe anziehe und einfach losrenne, geht es mir nachher besser als vorher (Nebenbei: „Laufschuhe anziehen und einfach losrennen“ dürfen Sie gerne als Metapher sehen. Für jede Form körperlicher Aktivität. Vorzugsweise im Freien – aber das ist kein Dogma.).

„Besser“ ist nicht bloß subjektiv: Freunde und Bekannte sagen, dass ich danach umgänglicher bin. Fröhlicher. Unternehmungsfreudiger. Energetischer. Dass man mir das ansieht. Mehr noch: Ihnen – zumindest denen, die es selbst so halten – geht es genauso. Und ob das im Widerspruch zu allen bekannten Gesetzen von Energie und Kinetik steht, interessiert Sie ebenso wenig wie mich. Wir halten es da ein bisserl mit dem Glauben an alternative Heilmethoden und anderem – angeblichen – „Hokus Pokus“: Was wirkt, das gilt. Und aus.

Doch die Sache hat einen Haken. Vermutlich im Wortsinn. Oder mehrere. Der – oder die – Haken steckt (stecken) in meinem Sofa. Das ist ein gedungener Schurke im Solde der Vertreter jener Lehre, die nicht akzeptieren will, was so nicht in Schulbüchern steht. Oder im Gegensatz zu den Energie-Gesetzen des Physik-Establishments steht: Mein Sofa sabotiert mich. Heimtückisch, massiv – und nachhaltig. Mit Erfolg. Leider.

Dabei tut es gar nichts. Auf den ersten Blick. Es steht nur da. Wenn ich heimkomme, lacht es mich an: „Hallo! Schön, dass du da bist! Na, los setz dich schon.“

Ich verneine: „Danke, aber ich muss los. Nachher. Den Abend verbringen wir dann zusammen.“

Das Sofa seufzt: „Wirklich? Aber ich war doch den ganzen Tag allein. Noch zwei Stunden warten – das ist schon hart.“

Ich bleibe standhaft: „Das hältst du schon aus.“

Das Möbel klagt: „Ich kenn dich: Du triffst unterwegs wen, verquatschst Dich – und dann seh ich dich spätabends wieder nur kurz vorbeihuschen.“

Ich runzle die Stirn: „Machst du mir gerade ein Szene? Du, ein Möbelstück?“

Ebenjenes greift zur List: „Ich weiß eh. Es tut mir leid. Aber: Die Schuhe kannst du dir doch auch im Sitzen zubinden.“

Damit hat es mich: Sobald mein Hintern seine Oberfläche berührt, greift das Sofa nach mir. Packt mich. Zieht mich auf und in sich. Lässt mich nicht los: Mit Haken und Tentakeln, Wärme, Komfort und Weichheit fesselt und umschmeichelt es mich. Dreht und wendet meinen Körper in die bequemste Ruheposition. Zieht meine Füße mit magischen Seilzügen auf die Recamiere – und wie von Zauberhand halte ich plötzlich die Fernbedienung in der Hand. „Siehst du, wie schön es ist?“ schmeichelt das Sofa. „Lass dich einfach fallen. Bleib bei mir. Draußen ist nichts. Dort ist es nur kalt und nass und dunkel.“

Einmal noch bäume ich mich auf. Versuche zu fliehen. Mich aufzurichten. Den Laufschuh am Boden zu erreichen. Zu spät: „Schau mal hier“, raunt das Sofa, „die Nummer des Pizzadienstes. Hier, auf diesem Sender, läuft deine Lieblingsserie.“ Zärtlich flüstert es mir ins Ohr – und zieht langsam, unmerklich, doch unerbittlich die Fesseln fest.

Ich sitze. Fest. Bequem. Wohlig. Verzweifelt. Bestelle. Pizza. Glotze. Blödsinn. Und kann zusehen, wie Welt und Leben an mir vorbeiziehen: Obwohl ich doch nur sitze, knotze, sofiere und dabei keine Energie verbrauche, werde ich am Ende des Abends kraft-, saft- und lustlos sein. Ausgelutscht. Zerschlagen. Leer. Mich müde am Sofa hin und her wälzen – und zwischen Pizzakarton und Fernsteuerungen davon träumen, frei zu sein. Aufzustehen und loszulaufen. Das mache ich auch. Bestimmt. Morgen. Übermorgen. Nächste Woche. Irgendwann. Vermutlich ganz sicher. Nur nicht heute. Denn heute bleibe ich. Sitzen: Das Sofa hat gewonnen – und ich hasse es/mich dafür.

Thomas Rottenberg lebt, arbeitet und läuft. In Wien - aber auch sonst überall, wo es ihn hin verschlägt.

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