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Papiertextilien – SHIFU

Einer japanischen Legende nach musste ein Spion feindliches Gebiet durchqueren. Um eine wichtige Nachricht, die er bei sich trug, nicht zu gefährden, zerschnitt er das Papier in Streifen, verdrehte sie zu einem Faden und flocht eine Jacke daraus. Wieder in Sicherheit nahm er das Gewand auseinander und fügte es zusammen und erhielt so einen langen Streifen, auf dem die Nachricht zu lesen war – Shifu (Shi – Papier, fu-Tuch, Gewebe) war erfunden (Quelle: Papiertextilien: Christina Leitner, Verlag Haupt, ISBN 3-258-06767-8)!

© Christina Leitner

© Christina Leitner

Im Laufe der Zeit wurde die Technik von Shifu immer weiter verfeinert, sodass schließlich feine und kostbare Gewebe entstanden. Aus einem Blatt im Format 38 x 53 cm wurden Garne über 100 m Länge gewonnen. Es entstanden völlig neuartige Stoffqualitäten, die nur mit Seide zu vergleichen waren. Für religiöse Zwecke beschrieb man das Papier, bevor es verwebt wurde. Die Schrift war im verdrehten Faden noch teilweise sichtbar, sodass der Text zwar nicht mehr lesbar, aber doch präsent war.

Die japanische Textilkünstlerin Naomi Kobayashi hat diese Technik für ihre Kunst gewählt. Sie beschreibt handgeschöpfte Papierstreifen mit schwarzer Japantusche. Die Tusche dringt tief in das Papier ein und wird auch auf der Rückseite sichtbar. Aus diesen Papierbögen fertigt sie einen Faden, den sie verwebt. So entstehen Bilder von erstaunlicher Leichtigkeit und grafischer Tiefenwirkung.

© Tom Grotta

© Tom Grotta

In Europa war die Finnin Ritva Puotila die Erste, die die Papierschnur wiederentdeckte. Sie gründete in den 80ern ihre Firma Woodnotes, die bis heute traumhafte Textilien und Teppiche herstellt.

Macht man sich auf die Suche nach Künstlern, die Shifu verarbeiten, so stößt man auf ein eigenes Universum. Grethe Wittrock, Norie Hatekayama, Deepak Shrestha, um nur einige zu nennen.

In Kanada gibt es eine Community, gegründet von Nancy Jacobi, die in regem Austausch mit Japans Tradition steht. Bei Japanese Paper Place kann man in die japanische Papierwelt untertauchen.

Christina Leitner möchte ich als österreichische Pionierin bezeichnen. Von ihr stammt auch das Buch „Papiertextilien“. Sie war es, die mich vor langer Zeit bei einem Vortrag ihren Rock, gewebt aus Papier und Baumwolle, anfassen ließ und so eine nachhaltige Begeisterung in mir auslöste. Sie hat auch das Textile Zentrum Haslach mit aufgebaut. Dort findet von 20. – 24. Juli 2015 ein Kurs mit der Schweizer Künstlerin Lis Surbeck statt, die sich seit 2002 mit Papiertextilien beschäftig.
Und hier noch ein Fernsehauftritt von Christina, wo sie sehr anschaulich erklärt, wie der aufwändige Herstellungsprozess von shifu funktioniert.

Ulla Unzeitig organisiert Open House Wien – Architektur für Alle – und ist derzeit auf der Suche nach dem missing link zwischen Fahrrad und Auto.

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