Gute Energie im Baustellenlärm

UntitledIm Frühjahr dieses Jahres pendelte ich monatelang zwischen zwei Baustellen hin und her: Sowohl in dem Haus, in dem ich wohne, als auch dort, wo sich meine Yoga-Schule befindet, wurde fleißig renoviert und saniert. So war meine morgendliche Yoga-Praxis bereits vom Lärm verschiedener, elektrischer Maschinen untermalt und die Geräusche von Bohrmaschinen, Kreissägen und Presslufthammern begleiteten manchmal den ganzen Tag über mein Tun zu Hause und in der Arbeit.

Ist es möglich, in einer Situation, in der man stunden-, tage- und monatelang einem unangenehmen Geräuschpegel ausgesetzt ist, in irgendeiner Form „gute Energie“ aufrecht zu halten? Gibt es dafür vielleicht einen yogischen Zaubertrick? Und was ist das eigentlich, die gute Energie?

Im Yoga wird zwischen drei energetischen Grund-Zuständen, den sogenannten Gunas, unterschieden, die auf Sanskrit rajas, tamas und sattva heißen. Rajas könnte man in Kürze als die Energie der Aktivität oder der Rastlosigkeit, des Tatendrangs bezeichnen. Tamas ist das Gegenteil davon, es ist Trägheit oder Schwere. Der dritte Zustand, sattva, gilt als Zustand der Ausgeglichenheit, in dem sich Ruhe mit Wachheit verbindet.

„Der letzte, das ist der ideale!“, sagen meine Schüler/innen standardmäßig, sobald ich meine Erläuterung vollendet habe. Und: „Kann man den mit Yoga immer aufrecht halten?“ Da schmunzle ich immer ein wenig. In der indischen Philosophie geht man davon aus, dass diese drei Energien alles durchdringen. Die genannten Zustände wechseln einander überall ab, so auch in allen Menschen, so lange sie leben, wenngleich es individuell unterschiedliche Ausprägungen und Präferenzen gibt.

Aber wenn man sich das doch so angenehm vorstellt, nie innerlich getrieben und auch nie erschöpft, sondern immer wach und ruhig in seiner Mitte zu sein! Bekommt man das denn nicht irgendwie hin, sich dem zumindest anzunähern? Die erfreuliche Antwort ist: Doch, man ist nicht einfach passiv dem Zufalls-Spiel des Universums ausgeliefert, man kann seine eigenen Energien definitiv selbst beeinflussen.

Im Normalfall ist meine morgendliche Yoga-Praxis jene Aktivität, die mich in diesen Zustand der Mitte versetzt und die sie mich wieder finden lässt, wenn ich sie verloren habe – nur im Falle der oben beschriebenen Baustellen war die Lage zugegebenermaßen etwas erschwert. In diesem Fall griff ich nicht auf die Trickkiste der alten Yogis zurück, sondern bediente mich der modernen Technik: Ich drehte während des Übens das Mahamrityunjaya-Mantra laut genug auf, um den Bohrlärm wo wenig wie möglich zu hören. Um mich so, trotz widriger, äußerer Umstände in einen Zustand entspannter Wachheit zu versetzen und den Tag mit guter Energie zu beginnen!

Isabella Welsch, Yoga-Lehrerin und Psychotherapeutin beschäftigt sich seit ihrer Jugend mit östlichen und westlichen Methoden der Selbsterfahrung und spirituellen Entwicklung.

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