gut

Gut genug?

Was den sozialen Status betrifft, hatte ich in meinem Leben schon sehr unterschiedliche Positionen inne: Als Jugendlicher obdachlos, vom Betteln gelebt bis hin zu meiner aktuellen Tätigkeit als selbstständiger Händler für bio-faire Textilien. Dazwischen Hilfsarbeiter mit schlechtem oder IT-Berater mit besserem Einkommen.

„Einkommen und Vermögen sind keine Schande, höchstens die Art, wie sie zustande kommen“, sagte Bruno Kreisky einmal. Das Unvermögen, wie ich ein geringes Einkommen dazu verwenden kann, ein kritischer Konsument zu sein liegt auf der Hand: Ich werde kaum dazu in der Lage sein, mir hochwertige bio-faire Produkte leisten zu können. Für den Preis einer fair hergestellten Bio-Jeans (ca. € 130,-) kann ich mir schließlich drei bis fünf konventionelle Paare kaufen. Kann ich umgekehrt, bei besserem Einkommen also behaupten, dass es eine Schande ist, wie dieses verkonsumiert wird?

cck-grafik-jeansAuf meinem Werdegang erkannte ich, wie wichtig dieses WIE ist und entdecke täglich aufs Neue, von welch immenser Bedeutung das auch für mein Umfeld und für die ganze Gesellschaft ist.

Ich habe einen einfachen Geschmack: Für mich ist das Beste gerade gut genug.“ (Oscar Wilde). Nach meinem Geschmack ist es, andere so zu behandeln, wie ich selber gerne behandelt werden möchte, auch jene, die ich persönlich vielleicht nie zu Gesicht bekommen werde, weil sie in fernen Ländern damit befasst sind, meine Klamotten zu nähen. Deshalb hätte ich gerne, dass diese Menschen auch gut bezahlt und fair behandelt werden.

Es ist extrem anstrengend herauszufinden, was das Beste ist, es wird nie gut genug sein und die Suche wird nie beendet werden können, solange ich nicht damit aufhöre, darüber nachzudenken, welche Auswirkungen mein Handeln auf Mensch und Umwelt hat.

Ich will z.B. darüber nachdenken, ob es gut genug ist, bei einer großen Textilkette einzukaufen, die eine Handvoll „Conscious“ Produkte im Sortiment hat, mir diese ins biodegradable Sackerl packt um sich dann in ihrem Corporate Social Responsibility-Bericht selber auf die mit Marketingbudget gepolsterten Schultern zu klopfen.

gutGenauso muss ich immer wieder darüber nachdenken, ob ich selber gut genug handle mit meinen bio-fair zertifizierten Produkten und meiner Ökostromplakette auf meinem Laden. Ich weiss nicht einmal, wie hoch der Weltmarktanteil an fair produzierten Textilien derzeit ist und ob die ArbeiterInnen in diesen Betrieben tatsächlich ihren Lebensstandard um so viel verbessern konnten, wie es mir selbst gelungen ist. Mich damit zu beschäftigen ist zwar oft schmerzhaft, gibt mir aber auch gute Energie zurück.

Eines weiß ich gewiss: Solange nicht alle das Beste haben können, wird es nie gut genug sein – weil ein bisschen besser eben noch lange nicht gut genug ist. Und theoretisch wäre ja auch genug für alle da.

Tom Kaisersberger betreibt mit Guter Stoff einen Bio-Shirt-Laden im 2. Wiener Gemeindebezirk. Alle Produkte sind auch im Online-Shop erhältlich. Guter Stoff wurde mit dem Umweltpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Neben unseren Autorinnen und Autoren, die in regelmäßigen Beiträgen über gute Energie in allen Lebensbereichen schreiben, sorgen auch immer wieder Gastautoren in einmaligen Blogbeiträgen für Gute Energie.

Responsive Menu Clicked Image