Ein Leben ohne Arme

Sie kam ohne Arme zur Welt – und hat trotzdem geschafft, wovon andere nur träumen: die Musik zu ihrem Beruf zu machen. Liz Müller, 37, erzählt offen von ihrem Leben mit Handicap und wie sie es geschafft hat, niemals aufzugeben.

Wolfgang Simlinger

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„Wer mag Kaffee?“, fragt die zarte Frau, nachdem sie die Türe zu ihrer Ennser Wohnung öffnet. Liz Müller streckt zur Begrüßung die zwei Finger ihrer rechten Hand aus, geht in die Küche, hebt das rechte Bein und öffnet mit der großen Zehe den Geschirrspüler. „Es ist leichter, wenn ich die Tassen nicht aus dem Regal nehmen muss“, lacht sie und räumt das restliche Geschirr aus, während die Kaffeemaschine zwei Tassen füllt. Mit den zwei Fingern der Hand, die direkt an die Schulter anschließt, klemmt sie die Milchpackung ein und trägt sie ins Esszimmer.

Warum sie keine Arme hat, weiß Elisabeth Müller nicht. Aber sie hat früh gelernt, Dinge, die andere mit Händen erledigen, mit den Füßen zu schaffen. Dabei ist sie so geschickt, dass sie sich nicht nur selbstständig anziehen kann. Sie beherrscht auch das Zehnfingersystem am Computer und spielt hervorragend Keyboard, beides mit den Zehen. „Ich war als Kind und Jugendliche eher zurückhaltend und still. Aber wenn ich etwas wollte, wie zum Beispiel ein Instrument lernen, eine Schule besuchen oder einen Beruf ergreifen, habe ich mich durchgesetzt“, erzählt sie.

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Steiniger Weg
Dabei war Elisabeths Weg zu ihrem heutigen Leben kein einfacher: Mit 15 Jahren sah das AMS sie aufgrund ihres Handicaps als nicht vermittelbar an. „Seitdem war ich nie wieder dort“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Meine Mutter wünschte sich, dass ich maturiere und eine gute Ausbildung bekomme. Ich wollte in erster Linie unabhängig sein, mein eigenes Geld verdienen.“ Also bewarb sie sich beim Tourismusverband Enns als Bürohilfskraft – und bekam den Job. „Nebenbei besuchte ich die HAK-Abendschule in Linz, bekam aber bald Probleme mit der Wirbelsäule. Mein Arzt riet mir, mich zwischen Schule und Beruf zu entscheiden. Das war nicht schwer. Ich wählte den Beruf und machte den Lehrabschluss als Bürokauffrau.“ Elisabeth leidet auch an Skoliose, einer S-förmigen Wirbelsäule. „Mit 37 geht Wandern oder Skifahren nicht mehr so gut“, erzählt sie und bemüht sich um ein Lächeln.

Im Alter von zehn Jahren fing sie an, Keyboard zu spielen. „Mein Lehrer ließ sich nicht einwickeln, wenn ich sagte: Das kann ich nicht! Er versuchte, die Stücke selbst mit nur einem Finger zu spielen, und sagte: Lieder, die man mit einem Finger spielen kann, sind auch mit den Zehen spielbar.“ Liz hatte das nötige Talent. „Mir war bewusst, dass ich oft gebucht wurde, weil ich mit den Füßen spiele. Das hat sich aber schnell gewandelt, und ich bekam Auftritte, weil ich gut war.“ Sogar TV-Interviews bei „Willkommen Österreich“ und Barbara Karlich folgten.

Wolfgang Simlinger

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Stark geblieben
Setzt man sich als Person mit Handicap dem ständigen Vergleich aus? „Die Warum-Frage stellt man sich als Teenager intensiv“, gibt sie zu. „Vor allem, wenn die anderen Mädchen schon Freunde haben und Erfahrungen sammeln. Das ist mir nicht leicht gefallen. Die wenigen guten Freunde, die ich hatte, haben mir da durchgeholfen.“ Liz hat es aber geschafft, positiv zu bleiben: „Ich bin sicher nicht hier, um depressiv zu sein und nichts zu tun. Ich will das Leben genießen, mit seinen Höhen und Tiefen. Es gibt genügend Behinderte, die sich nichts zutrauen. Ich wollte zeigen, dass man auch mit Handicap fröhlich sein und etwas ausprobieren kann.“ Ihre Energie schöpft sie heute aus der Musik. Wie sehr diese die Menschen verbindet, zeigte sich 2008, als Liz ihren heutigen Mann Wolfgang kennenlernte. „Es hat lange gedauert, bis wir richtig zusammengefunden haben. Ich hatte schlechte Erfahrungen gemacht und war sehr vorsichtig. Ich dachte, er geht wieder, so wie alle anderen. Aber er ist geblieben.“ Nicht nur das, ein Jahr später krönte auch Tochter Magdalena das Glück der beiden. Seitdem sie da ist, ist Liz weniger aktiv als Musikerin. „Magdalena war mein Herzenswunsch. Zur Zeit genieße ich es, bei ihr zu Hause zu sein.“ Neben vereinzelten Auftritten gibt sie mittlerweile privat Keyboardunterricht in Enns und leitet Musikgruppen. Künftig würde sie gerne als Kindergartenhelferin arbeiten, doch die Absagen häufen sich leider. Wenn sie ihre Tochter von der Vorschule abholt, fragen manche Kids ganz direkt: „Warum hast du keine Arme?“ „Dann sage ich: Mir sind halt keine gewachsen. Die Welt ist kunterbunt, es sieht nicht jeder gleich aus.“

Eva Helfrich ist freie Journalistin und lebt in Oberösterreich. „Gemeinsam individuell“ ist sie mit ihren Kollegen des Medien-Kollektivs co;des.

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