Der Bus „ohne Motor“

Aufs Gas muss Daniel Ubell „eine Spur vorsichtiger steigen.“ Weil so ein Elektromotor eben anders funktioniert. Anders als ein Verbrennungsmotor. Egal, ob der mit Diesel oder Erdgas betrieben wird. Wie? Überspitzt gesagt: Zuerst gar nicht – und dann voll. Das weiß, wer sich schon einmal auf ein E-Bike gesetzt hat: Tritt man in die Pedale, passiert eine Viertelsekunde nichts – und dann ist da die volle Power. Schlagartig. 100 Prozent Drehmoment. „Wenn man Rad fahren kann und das weiß, ist es keine Hexerei mit einem E-Bike zurecht zu kommen – und wenn man Bus fahren kann, hat man das auch sehr rasch raus“, sagt Daniel Ubell, gibt Gas – und der 2A fährt los. Sanft. Ohne jeden Ruck.

Autobuss der InnenstadtlinienUbell lächelt: Der 27-Jährige mag den 2A. Die Route durch die Innenstadt ist seine Lieblingsstrecke: „Der erste Bezirk ist ein Dorf: Die älteren Fahrgäste grüßen. Man kennt sich noch.“ Aber auch wegen der Strecke: „Überall anders hast du Leute, die es eilig haben. In der City ist das nicht so.“ Abgesehen davon schätzt Ubell am 2A noch etwas: Die Fahrzeuge. Denn in der Wiener Innenstadt zeigen die Wiener Linien, wie die elektromobile Zukunft aussehen könnte: 12 lautlose und emissionsfreie Elektrobusse (2A und 3A) fahren durch die Innenstadt. Und während E-Busse im Rest der Welt „O-Busse“ heißen, weil sie nach Straßenbahn-Art an der Oberleitung hängen, klappen Wiens E-Busse ihre Bügel nur an der Endstation hoch: Ubells 2A „saugt“ am Schwarzenbergplatz Energie aus einer 600-Volt-Leitung – und ist binnen Minuten fit für die nächste 40-Minuten-Runde.

Theoretisch ginge es auch ohne Zwischenstopp ginge: Die Ladung, die über Nacht in die Akkus „gepumpt“ wird, würde für 150 Kilometer reichen. Aber da Batterien länger halten, wenn sie so oft wie möglich voll sind, legten die Wiener Linien im Herbst 2012 – als der Testbetrieb begann – eine kurze „Abzweigung“ der Oberleitung der Ringstraßen-Straßenbahnen zum Café Schwarzenberg: Busrouten ganz mit Oberleitungen zu versehen wäre höllisch teuer – und extrem kompliziert.

Doch die „fehlenden“ Oberleitungen stellen die Fahrer immer wieder vor „Probleme“, erzählt Daniel Ubell: „Manche Fahrgäste glauben nicht, dass wir ausschließlich mit Strom fahren. Aber wenn wir es erklären, sind die Leute stolz. Erst recht, wenn sie hören, dass sich andere Städte die Wiener Busse schon für Tests ausborgen.“ Die fahren nämlich auch anderswo gut. Und das Nicht-Verbrennen fossiler Energieträger und das Nicht-Emitieren von Schadstoffen sowie das Nicht-Lärmmachen führen zu echter Verwirrung: Als einer der E-Busse 2013 in Bremen fuhr, überschlug sich die „Bild“-Zeitung vor Begeisterung über den „Ösi-Bus“: „Der Elektrobus fährt extrem leise, weil er keinen Motor hat.“ Das wäre dann also die Fred-Feuerstein-Variante. Aber 204 PS (150 kW) – soviel Kraft hat jeder der Busse nämlich – per Tretauto-Antrieb?

Autobuss der InnenstadtlinienMit 460.000 Euro pro Stück sind die Busse eine Spur teurer als Tretautos – aber auch als Gas oder Diesel fressende Fahrzeuge. Dennoch rechnet sich das Projekt: Elektromotoren sind weniger wartungsintensiv als Verbrennungsmotoren. Und der Öko-Fußabdruck spricht für sie: 300 Tonnen CO2-Emissions-Einsparung pro Jahr sind ein relevanter Faktor. Darum denkt man bei den Wiener Linien schon an den nächsten Schritt. Schließlich sind die sieben Meter langen Innenstadtbusse „nur“ die kleinen Geschwister der 12 Meter langen Normal-Busse: „Wir überlegen, das E-Mobilitätsprojekt auszuweiten. Ziel ist es, den großen Sprung zu den großen Bussen zu machen“, sagt Geschäftsführer Günter Steinbauer.

Auf eines muss man sich da aber noch vorbereiten, warnt Daniel Ubell seinen Chef: „E-Busse sind so leise, dass Touristen oft gar nicht mitbekommen, dass wir fahren. Die steigen einfach auf die Fahrbahn.“ Doch das, betont der Fahrer, sei kein Grund, das Projekt nicht weiterzuführen: „Als Busfahrer musst du ohnehin die Gedanken der anderen Verkehrsteilnehmer lesen. Das gehört zu dem Job einfach dazu – egal, in welchem Bus du sitzt.“

Thomas Rottenberg lebt, arbeitet und läuft. In Wien - aber auch sonst überall, wo es ihn hin verschlägt.

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