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Bio-Kleidung selbst gemacht

Oft höre ich beim Anblick meiner selbst genähten Kleidungsstücke: „So etwas würde ich auch gerne machen, aber leider kann ich nicht nähen.“ Und dann frage ich mich immer wieder, ob das nur so daher geredet und der Wille doch gar nicht so groß ist, oder ob sie sich tatsächlich einfach nicht drüber trauen. Und dann sage ich meistens, dass es ja gar nicht so schwierig sei. Aber ich glaube, viele wollen mir das einfach nicht glauben.

wikingerhoodies_webDabei braucht man für’s Hobbynähen kein außergewöhnliches Talent, keine einschlägige Ausbildung und keine jahrelange Übung. Und erfreulicherweise wird mir das auch oft bestätigt: Einige meiner Bekannten sind ohne Vorkenntnisse dem Nähfieber verfallen und zaubern tolle Stücke; beim letztjährigen Streetlife-Festival in Wien durfte ich einen Näh-Stand betreuen, der genau das zum Ziel hatte: Nicht-NäherInnen zum Nähen zu animieren und es war ein voller Erfolg. Freudestrahlend haben Nähinteressierte im Alter von 5 Jahren aufwärts mit ihren selbst gemachten Stücken unseren Stand verlassen. Und schließlich erzählen mir immer wieder KundInnen, wie sie ganz unverhofft zum Nähen gekommen sind. Unzählige Male habe ich schon gehört: „Niemals hätte ich gedacht, dass ich
mal Nähen werde. In der Schule habe ich es gehasst und nun macht es mir so große Freude.“

Auch ich hatte mit Nähen überhaupt nichts am Hut. Bis mein damals 3-jähriger Sohn meinte, er wolle sich im Fasching als Polizist verkleiden, und es nirgendwo so kleine Kostüme gab. Und somit versprach ich ihm voll naivem Ehrgeiz, eine Uniform zu nähen. Um den Druck, das Projekt auch tatsächlich umzusetzen, etwas zu erhöhen, schenkte mir mein Mann eine Nähmaschine. Und somit war auch der Weg geebnet, um nach dem Kostüm weiter zu machen (das übrigens ziemlich gut geworden ist). Meine damals bereits näherfahrene Schwester gab mir die nötigen Tipps für die Anfertigung meiner ersten Kinderhosen und T-Shirts.

Alles, was man also braucht um loszulegen ist: eine Nähmaschine und Basis-Nähwerkzeug, eine gute Anleitung, Stoff und Motivation.

Das richtige Werkzeug – Was braucht man? Und was nicht?
Starten wir also mit der Nähmaschine. Eine einfache Haushaltsnähmaschine haben viele zuhause oder man kann sich von Nachbarn oder Freunden eine ausleihen. Wenn nicht, gibt es kostengünstige, gute Modelle zu kaufen. Alles, was darüber hinausgeht, kann für VielnäherInnen sicher komfortabel sein, ist aber keine echte Notwendigkeit. Ein einfacher Geradstich und ein schmaler Zickzack-Stich für dehnbare Stoffe sind eigentlich alles, was man braucht. Gerade bei Jerseystoffen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass man dafür eine spezielle Overlock-Maschine braucht. Klar, wenn man mal eine hat, möchte man sie nicht mehr missen, aber es geht sehr gut auch ohne. Eine weitere Option sind Nähsalons bzw. Nähcafés, in denen man sich einen Nähplatz stundenweise mieten kann und bei Bedarf meist auch Tipps bekommt.

Die wichtigsten Nähwerkzeuge sind ein Maßband, eine Stoffschere, Stecknadeln und eventuell Schneiderkreide. Mit Schmunzeln erinnere ich mich an den Handarbeitsunterricht in der Schule, wo es strenge Vorschrift war, jede Naht mit einem Heftfaden zusammen zu nähen, bevor man die endgültige Naht mit der Maschine macht. Ob das wohl immer noch so gelehrt wird? Im Hobby-Nähbereich kenne ich jedenfalls niemanden, der das macht. Kann man also getrost vergessen.

Womit beginnen?
Das Um und Auf für jedes Nähprojekt – vor allem für AnfängerInnen – ist ein gutes Schnittmuster samt Anleitung. Hier gibt es drei Möglichkeiten: Nähzeitschriften, Einzelschnittmuster und E-Books. Zeitschriften und Einzelschnittmuster sind tendenziell etwas anspruchsvoller in der Umsetzung.

ebook_WebBlutige AnfängerInnen sind sicher am besten mit einem so genannten E-Book beraten. Man kann diese online kaufen und nach Bezahlung eine pdf-Datei herunterladen, die das Schnittmuster zum selbst Ausdrucken und eine meist sehr detaillierte, bebilderte Anleitung enthält. Das Ausdrucken und Zusammenbasteln des Schnittmusters ist etwas aufwändig, man wird dafür aber mit einer anfängersicheren Beschreibung belohnt. E-Books gibt es für eine Vielzahl an Kleidungsstücken: Mützen, Hosen, Sweatshirts, Röcke, Kleider, Leggings, Jacken usw. – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Mit dabei sind meist auch Nähbeispiele, sodass man sich ein gutes Bild vom fertigen Stück machen kann und sich damit auch gleich die nötige Motivation holt. Tolle Anfängerprojekte, für die man auch ganz einfach Anleitungsvideos im Netz findet und die einem gleich mal ein schönes Erfolgserlebnis bescheren, sind übrigens die sehr beliebten Loopschals.

Umwelt-, tier- und menschenfreundliches Material
Stoffe_webSchließlich braucht man natürlich noch das passende Material. Für ein bio-faires Kleidungsstück gibt es mittlerweile ein großes Angebot an Stoffen, die aus Bio-Material fair und schadstofffrei produziert werden. Von vielen bunten Jerseys für Kinder und Erwachsene, über feine Webstoffe bis hin zu Wolle und Seide aus kontrolliert biologischer Tierhaltung lässt das Angebot kaum Wünsche offen.

An dieser Stelle auch noch eine kurze Erklärung zu den verschiedenen Stoffarten: Man unterscheidet zwischen Strick- und Webstoffen. Strickstoffe werden – wie der Name schon sagt – auf Strickmaschinen hergestellt und bestehen daher aus Maschen. Sie sind dehnbar, oft wird auch Elasthan beigemischt, was die Dehnbarkeit, aber auch die Formstabilität erhöht. Typische Strickstoffe sind Jersey, Sweat, Strickfrottee, Bündchen, Nicki und Plüsch.

Webstoffe sind in der Regel kaum oder gar nicht dehnbar. Es gibt sie in verschiedenen Webarten (z.b. Leinwandbindung – die Fäden verlaufen im rechten Winkel zu einander; Köperbindung – Fäden verlaufen schräg, z.b. Denim). Beispiele für Webstoffe sind Popeline (typischer Hemden-/Blusenstoff), Satin, Denim und Cord.

NähanfängerInnen haben oft etwas Scheu, dehnbare Stoffe zu verarbeiten. Das Nähen ist auch tatsächlich ein wenig herausfordernder als bei Webstoffen, aber Strickstoffe haben den immensen Vorteil, dass sie kleine Fehler in der Passform viel eher verzeihen und durch die Dehnbarkeit viel simpler verarbeitet werden können. Ein Kleidungsstück aus Webstoff, das passgenau sitzen soll, braucht zum Beispiel immer auch einen Verschluss (Reißverschluss, Knöpfe), was natürlich deutlich aufwändiger ist.

Wenn in punkto Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit nicht bei den Stoffen Schluss sein soll, gibt es auch im Zubehörbereich passende Produkte. Die Auswahl ist gegenüber dem konventionellen Bereich allerdings noch deutlich eingeschränkt und man muss manchmal Abstriche machen. Wer hier konsequent sein will, muss beispielsweise auf bunte Plastikdruckknöpfe aus China verzichten und stattdessen auf Metalldruckknöpfe zurückgreifen, die es auch aus deutscher Produktion gibt. Und das Nähgarn hat dann vielleicht nicht immer den perfekt passenden Farbton, ist aber aus Bio-Baumwolle oder Recycling-Polyester. Es sieht aber sehr danach aus, dass sich hier in den nächsten Jahren noch viel bewegen wird.

Und was bringt es?
Shirt_webUnd das war´s auch schon. Wer sich (zu)traut, einfach mal anzufangen, wird schnell merken, dass es wirklich einfacher ist, als man es sich vielleicht vorgestellt hat. Es muss ja nicht gleich die ganze Garderobe umgestellt werden. Auch nur ein einziges Teil, das ein gekauftes ersetzt, bringt schon viele Vorteile. Man kann tolle Unikate für sich und seine Liebsten herstellen. Verglichen mit Kleidung aus konventioneller Produktion reduziert man Umweltverschmutzung und Menschenausbeutung und tut dabei auch seinem eigenen Körper etwas Gutes. Und im Vergleich zu gekaufter bio-fairer Kleidung spart man in der Regel Geld. Und zu guter Letzt bekommt man auch noch ganz viel positive Energie und Glücksgefühle, die das Herstellen eines realen Produkts in uns erzeugt, etwas das vielen von uns in der heutigen Arbeitswelt ja leider fehlt.

Romana Massong ist Inhaberin von biostoffe.at, Österreichs erstem Shop für Stoffe und Nähzubehör aus umweltfreundlicher Produktion.

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